Rama­dan-Geschich­ten

Ramadan - Fasten

Der Fas­ten­mo­nat zwi­schen Kon­sum und Spi­ri­tua­li­tät

„Alle Jah­re wie­der kommt …“ Nein, nicht nur die Weih­nachts­zeit. Mus­li­mi­sche Kin­der fie­bern dem Fas­ten­mo­nat Rama­dan ent­ge­gen. Dann wird es bunt auf allen Stra­ßen Kai­ros. Rama­d­an­la­ter­nen leuch­ten an jeder Gas­sen­ecke in allen For­men und Far­ben. Die Kon­di­to­rei­en bie­ten, ähn­lich wie Weih­nachts­ge­bäck und Leb­ku­chen in Euro­pa, spe­zi­el­le Süßig­kei­ten an. Es ist die Zeit, in der die Fami­li­en und Freun­de bei der Abend­däm­me­rung zum Ift­ar zusam­men­kom­men: dem Rama­dan-Früh­stück, durch das das Fas­ten gebro­chen wird. In Kai­ro kün­digt tra­di­tio­nell ein Kano­nen­schuss die­sen heiß ersehn­ten Zeit­punkt an, abge­feu­ert von einer alten Hau­bit­ze auf der Zita­del­le Muham­mad Alis, auf einem der Hügel der Stadt. Wer wei­ter davon ent­fernt wohnt, der war­tet, bis der Böl­ler­schuss im Fern­se­hen über­tra­gen wird. Ansons­ten kün­det auch der Gebets­ruf des Muez­zins in einer der Tau­sen­den Moscheen der Stadt davon, dass die Zeit des Fas­tens zwi­schen Mor­gen- und Abend­däm­me­rung vor­über ist. In die­ser Zeit soll­ten sich die Mus­li­me des Essen, Trin­kens, Rau­chens und jeg­li­cher sexu­el­ler Akti­vi­tä­ten ent­hal­ten. Das Fas­ten im Rama­dan gilt als eine der fünf Säu­len des Islam. Neben dem Glau­bens­be­kennt­nis, dem Gebet, der Pil­ger­fahrt nach Mek­ka und dem Geben von Almo­sen stellt das Fas­ten für die Mus­li­me eine reli­giö­se Grund­pflicht dar. Da sich der Islam nach dem Mond­jahr rich­tet, das kür­zer ist als das Son­nen­jahr, wan­dert die Zeit des Rama­dan durch alle Jah­res­zei­ten.

Rien ne va plus, heißt es dann. Alle Fir­men und Insti­tu­tio­nen haben ihre Arbeits­zei­ten auf ein Mini­mum redu­ziert. „Baad Al-Eid“ – „nach dem Fest“, dem klei­nen Bai­ram, der den Rama­dan abschließt, lau­tet der klas­si­sche Satz, der jedem Ver­we­ge­nen ent­ge­gen­schlägt, der doch noch meint, etwas in die­ser Zeit erle­di­gen zu kön­nen. Rama­dan, das ist auch der Urlaub der Armen, die sich den Rest des Jah­res ohne Unter­lass, min­des­tens sechs Tage die Woche, in Werk­stät­ten oder den Häu­sern der Rei­chen abra­ckern.

Nichts geht mehr auch im Ver­kehr, wenn Mil­lio­nen hung­ri­ger und durs­ti­ger Kai­ro­er ver­zwei­felt zur glei­chen Zeit ver­su­chen den Ort ihres Ift­ars zu errei­chen. Dann kommt der Ver­kehr nicht nur auf den Nil­brü­cken zum Ste­hen. Je näher der Zeit­punkt des Fas­ten­bre­chens rückt, des­to wag­hal­si­ger wer­den die Manö­ver und des­to grö­ßer ist die Gefahr, von einem dar­ben­den Despe­ra­do in einen Unfall ver­wi­ckelt zu wer­den.

Auch für weni­ger from­me Men­schen ist es eine schwie­ri­ge Zeit. Kaum jemand kann sich dem kol­lek­ti­ven Druck ent­zie­hen und wagt es, auf offe­ner Stra­ße tags­über zu essen oder sich eine Ziga­ret­te anzu­ste­cken. Wie vie­le heim­lich hin­ter geschlos­se­nen Vor­hän­gen zum Kühl­schrank schlei­chen, davon kann nur Gott Zeug­nis able­gen. Die Alko­hol­lä­den haben ihre Türen zuge­macht. Ken­ner haben sich schon min­des­tens eine Woche vor Rama­dan mit Stoff für einen Monat ein­ge­deckt. Aus­ge­schenkt wird nur noch in Fünf-Ster­ne-Hotels, und das auch nur nach Vor­zei­gen eines aus­län­di­schen Pas­ses. So kommt es dort gele­gent­lich zum absur­den Wider­spruch zwi­schen Kon­fes­si­on und Natio­na­li­tät. Dem ägyp­ti­schen Chris­ten wird das Bier ver­wehrt, wäh­rend der euro­päi­sche Mus­lim sei­nes frisch gezapft auf den Tisch gestellt bekommt. So will es das ägyp­ti­sche Gesetz. Ägyp­ter sol­len tro­cken blei­ben und doch sol­len auch im Rama­dan Tou­ris­ten zufrie­den gestellt wer­den.

Ähn­lich wie Chris­ten zur Weih­nachts­zeit in Euro­pa zwi­schen Kauf­hof und Christ­met­te, leben auch Mus­li­me im Rama­dan im Span­nungs­feld zwi­schen Kon­sum und Spi­ri­tua­li­tät. „Esst von den köst­li­chen Din­gen des­sen, was Wir euch beschert haben, aber zeigt nicht dar­in ein Über­maß an Fre­vel“, heißt es im Koran. Geges­sen wer­den soll eigent­lich nur zum Ift­ar und wäh­rend des Suhur, einer leich­ten Mahl­zeit kurz vor der Mor­gen­däm­me­rung. Die täg­lich übli­chen drei Mahl­zei­ten sind also in der Fas­ten­zeit um ein Drit­tel auf nur zwei redu­ziert.

Doch aus­ge­rech­net im Fas­ten­mo­nat wer­den in Ägyp­ten im Ver­gleich zum Rest des Jah­res 40 Pro­zent mehr Nah­rungs­mit­tel kon­su­miert. Zahl­rei­che from­me Web­sei­ten monie­ren denn auch, dass die Men­schen im Monat der „phy­si­schen und see­li­schen Ent­gif­tung“ sogar an Gewicht zuneh­men.

Schon lan­ge hat auch die Wer­be­indus­trie den „Mar­ken­na­men Rama­dan“ ent­deckt. Schließ­lich ist das eine Mar­ke­ting-Eti­ket­tie­rung, die Herz und See­le von welt­weit über zwei Mil­li­ar­den poten­zi­el­len mus­li­mi­schen Käu­fern anspricht. Dabei wird ger­ne auch mit den alten Sym­bo­len ara­bi­scher Gast­freund­schaft in der Wüs­te gespielt. So ist es in den letz­ten Jah­ren in Kai­ro zur Gewohn­heit gewor­den, dass fei­ne Restau­rants ihre Fas­ten­brech-Kund­schaft in immer auf­wän­di­ge­re und grö­ße­re, spe­zi­ell für den Rama­dan auf­ge­bau­te Bedui­nen­zel­te zu locken suchen. Die Wüs­te ruft – die Kas­se klin­gelt.

Doch mit der Kas­se ist es auch so ein Pro­blem. In den letz­ten Jah­ren ist der Rama­dan für vie­le Ägyp­ter zum Alp­traum gewor­den. Die Haus­halts­kas­se ist leer und die Prei­se stei­gen. Rama­dan­köst­lich­kei­ten sind zu teu­er, das Aus­füh­ren der gan­zen Fami­lie kön­nen sich nur noch die wenigs­ten leis­ten. Für vie­le Ägyp­ter ist der Rama­dan der Monat der per­sön­lich beschä­men­den Bank­rott­erklä­rung vor der eige­nen Fami­lie. Da erweist sich der Gang in die Moschee oft als ein­zi­ges erschwing­li­ches Aus­flugs­ziel.

Denn mit der zuneh­men­den reli­giö­sen Ori­en­tie­rung der Gesell­schaft hat sich ein extre­mer Gegen­pol zum Kon­sum gebil­det. Sicht­bars­ter Aus­druck sind die Tara­wih-Gebe­te. Kurz nach dem Auf­ruf des Muez­zins zum Nacht­ge­bet kom­men die Gläu­bi­gen zu einem mehr­stün­di­gen kol­lek­ti­ven Gebet in der Moschee zusam­men und spre­chen ihre Tara­wih-Gebe­te. Waren es vor weni­gen Jah­ren nur eini­ge weni­ge 150-pro­zen­ti­ge Moschee­gän­ger, die die­se Gebe­te ver­rich­te­ten, sind es inzwi­schen Mil­lio­nen Ägyp­ter, die kurz nach dem Essen jeden Abend in die nächs­ten Moschee eilen und dort den gan­zen rest­li­chen Abend ver­brin­gen.

Die Tra­di­ti­on stammt ursprüng­lich aus Sau­di-Ara­bi­en, und Tara­wih-Gebe­te sind auch nicht isla­misch vor­ge­schrie­ben. Sie gel­ten aber im Rama­dan als frei­wil­li­ge ver­dienst­vol­le Hand­lung, mit der sich Punk­te fürs Para­dies sam­meln las­sen und wäh­rend derer im Lau­fe des Fas­ten­mo­nats ein­mal der gesam­te Koran rezi­tiert wird. Auf dass es im nächs­ten Jahr oder wenigs­tens im nächs­ten Leben bes­ser wer­den möge.

McDonalds

Mac Fas­ten­brech

(Kai­ro, Rama­dan 1995)

„Wie vie­le Stun­den bis zum Ift­ar?“ In den Köp­fen der Kai­ro­er ist das wohl die im Monat Rama­dan meist­ge­stell­te heim­li­che Fra­ge. Sie stellt sich immer drän­gen­der und öfter, je län­ger der Tag andau­ert, beglei­tet von einem anschwel­len­den Grum­meln im Magen zum Nach­mit­tag hin. Ift­ar, das ist das aller­lö­sen­de all­abend­li­che Bre­chen des Fas­tens.

Mit­un­ter neh­men der­ar­ti­ge Ift­ars recht eigen­ar­ti­ge For­men an, zumal manch einer hofft, mit dem reli­giö­sen Brauch­tum sei­nen Umsatz zu stei­gern. Die neu­es­te Erfin­dung auf dem Kai­ro­er Markt: „Mac Ift­ar“ – zu Deutsch „Mac Fas­ten­brech“. Unschwer lässt sich erra­ten, wel­che welt­weit bekann­te US-ame­ri­ka­ni­sche Fast­food-Ket­te sich hin­ter die­ser Idee ver­birgt. Seit vier Mona­ten ver­sucht die Fir­ma mit dem gel­ben M auf rotem Grund nun auch in Kai­ro ihren Sie­ges­zug über die tra­di­ti­ons­be­wuss­ten ägyp­ti­schen Mägen anzu­tre­ten. Und da man eben kul­tu­rell etwas eigen ist in den isla­mi­schen Län­dern, kam die Idee mit dem Mac Fas­ten­brech auf.

Nicht, dass die Filia­le sich zu sehr von ihren Part­nern in Ber­lin, New York oder Mos­kau unter­schei­det. James Dean wan­dert ein­ge­rahmt über den Broad­way und blickt ver­zückt in Rich­tung der sich rekeln­den Madon­na auf dem Nach­bar­bild. Da mag kei­ne so rech­te Rama­dan-Atmo­sphä­re auf­kom­men.

Tags­über kommt nur wenig, meist aus­län­di­sche, Kund­schaft. Aber die meis­ten ägyp­ti­schen US-Fast­food-Fans war­ten bis zum Ift­ar. Die Idee für Mac Ift­ar erweist sich als rela­tiv ein­fach. Ein „Amr Eddin“ – ein Apri­ko­sen­saft –, das tra­di­tio­nel­le Ift­ar­ge­tränk im öko­lo­gisch wert­vol­len Cola-Plas­tik­be­cher samt Deckel, dazu eine Nudel­sup­pe, von einer eben­falls welt­be­kann­ten Sup­pen­wür­fel­fir­ma, und dann: das Übli­che.

„Sie kön­nen aus­wäh­len“, hilft uns die betont kun­den­freund­li­che Frau an der Kas­se und deu­tet auf die Tafel hin­ter sich. Auf Ara­bisch haben wir die Wahl: „Biig Maak Kum­bu“ – der gro­ße Dop­pel­de­cker mit einer Cola und Pom­mes. Glei­ches als panier­tes Feder­vieh, auch „Maak Tschii­ken Kum­bu“ genannt, und, für die Zahn­lo­sen, den „Maak Naa­git Kum­bu“. „Nein“, sagt die freund­li­che Frau an der Kas­se, es sei nicht so ein­fach, den gan­zen Tag zu fas­ten und den Aus­län­dern bei der Nah­rungs­auf­nah­me zuzu­se­hen. Zum Ift­ar kämen nur weni­ge. Die meis­ten Ägyp­ter bre­chen ihr Fas­ten lie­ber zu Hau­se oder bei Bekann­ten. Sie sel­ber mache sich nichts aus den gan­zen Mac-Kom­bi­na­tio­nen, gibt sie frei­mü­tig zu. Ori­en­ta­li­sches Essen schme­cke eben doch bes­ser.

„Eigent­lich“, erzählt der rast­lo­se Jung­ma­na­ger, woll­ten sie noch viel mehr Ori­en­ta­li­sches zum Rama­dan anbie­ten. Fuul – brau­ne Boh­nen –, das ägyp­ti­sche Natio­nal­ge­richt, und Fal­a­fel – aus­ge­ba­cke­ne Kir­cher­erb­sen­bäll­chen – stan­den auf der Vor­schlags­lis­te. Das fan­den die US-ame­ri­ka­ni­schen Food Mana­ger wie­der­um gar nicht zum Lachen und wie­sen die erfin­dungs­rei­chen Ägyp­ter in ihre welt­weit stan­dar­di­sier­ten Fast­food-Gren­zen. Übrig blieb der besag­te Mac Ift­ar.

Auch das Ift­ar für die fas­ten­den Mit­ar­bei­ter will orga­ni­siert sein. Dies­mal hat der inzwi­schen müde wir­ken­de Jung­ma­na­ger bei der Kon­kur­renz ein­ge­kauft. Aber nicht etwa bei der tra­di­tio­nell ara­bi­schen! Zum Ift­ar, gibt er offen preis, gibt es heu­te für die Kol­le­gen Hähn­chen­tei­le von Ken­tu­cky Fried Chi­cken.

Probiotika, Präbiotika, Synbiotika

Mit der Pil­le durch den Rama­dan

(Kai­ro, Rama­dan 1996)

Nachts glit­zert und blinkt es in Kai­ros Stra­ßen. Über­all wird bis in den frü­hen Mor­gen gefei­ert. Die Tische bie­gen sich unter den Köst­lich­kei­ten. Tags­über schlep­pen sich die Men­schen mür­risch und mit lee­ren Mägen für eini­ge Stun­den pro for­ma zur Arbeit. Kurz: Es ist Rama­dan, der isla­mi­sche Fas­ten­mo­nat.

Dabei neh­men man­che Gepflo­gen­hei­ten mit­un­ter ziem­lich absur­de Züge an. Mit stei­gen­der Reli­gio­si­tät wuchs in den letz­ten Jah­ren auch der Eifer, beson­ders hin­ge­bungs­voll zu fas­ten. Frau­en bil­den dabei kei­ne Aus­nah­me – und das, obwohl sie zeit­wei­se aus dem kol­lek­ti­ven Fas­ten­er­leb­nis aus­ge­schlos­sen blei­ben. Laut isla­mi­schen Regeln sind sie wäh­rend der Mens­trua­ti­on von ihren reli­giö­sen Pflich­ten, also auch dem Fas­ten, frei­ge­stellt. In den isla­mi­schen Quel­len wer­den sie in die­ser Zeit als zu „unrein“ betrach­tet, um ihre reli­giö­sen Oblie­gen­hei­ten ange­mes­sen zu erfül­len – ja selbst einen Koran zu berüh­ren. Die Tage, an denen sie im Rama­dan nicht fas­ten, müs­sen sie aller­dings spä­ter nach­ho­len.

Ein reli­giö­ser Grund­satz, der nach Mei­nung ägyp­ti­scher Ärz­te und Psy­cho­lo­gen für eini­ge Frau­en zu einer Art Mens­trua­ti­ons­trau­ma führt. Das mani­fes­tiert sich oft im Umgang mit der Far­be Rot und in der Tat­sa­che, dass man­che Frau­en sich vor roten All­täg­lich­kei­ten wie etwa Toma­ten ekeln.

Auch beim gemein­schaft­li­chen Fas­ten und all­abend­li­chen Fas­ten­bre­chen füh­len sich eini­ge der got­tes­fürch­ti­gen Frau­en dis­kri­mi­niert. Anstatt männ­li­che Inter­pre­ta­tio­nen über das Timing reli­giö­ser Pflich­ten anzu­zwei­feln, sucht so man­che Hil­fe bei der Phar­ma­in­dus­trie. Um es den Män­nern im ein­mo­na­ti­gen Fas­ten gleich­zu­tun, kamen sie auf Idee mit der Pil­le. Denn ein, zwei Mona­te ohne Unter­bre­chung geschluckt, führt das zur hor­mo­nel­len Gleich­schal­tung: Die Peri­ode ver­schiebt sich auf die Zeit nach dem Rama­dan, und damit heißt es: Glei­che reli­giö­se Pflich­ten für alle. Nie­mand kann mehr als unfit oder gar unrein betrach­tet wer­den.

„Ich kann nicht drei bis fünf Tage des Fas­tens ver­pas­sen. Das sind 30 ein­zig­ar­ti­ge und hei­li­ge Tage im Jahr, an denen ich den Koran lese und bete. Die Pil­le ist für mich eine gro­ße Errun­gen­schaft“, erläu­tert eine Frau gegen­über einer ägyp­ti­schen Zei­tung frei­mü­tig. Ande­re Frau­en sehen dar­in gar eine Metho­de, auf medi­zi­ni­sche Wei­se end­lich zur reli­giö­sen Gleich­be­rech­ti­gung zu gelan­gen. „Ich arbei­te und ich fas­te den gan­zen Rama­dan und möch­te auf allen Ebe­nen gleich behan­delt wer­den wie die Män­ner“, erklärt eine ande­re Ägyp­te­rin selbst­be­wusst.

Die männ­li­chen Pro­fes­so­ren des Fat­wa-Komi­tees der isla­mi­schen Al-Azhar-Uni­ver­si­tät, wie Abdel Motag­al­li Kha­li­fa, seg­nen den neu­en Trend ab. Anti­ba­by­pil­len sei­en halal – isla­misch erlaubt –, sagt er, solan­ge sich hin­ter ihrer Ein­nah­me eine gute Absicht ver­ber­ge. Zumin­dest da haben die Scheichs dem Papst eini­ges vor­aus. Nur eini­ge ägyp­ti­sche Gynä­ko­lo­gen wol­len da nicht mit­zie­hen und war­nen vor Gesund­heits­schä­den.

Eine Erfah­rung, die auch eine gute Kai­ro­er Freun­din gemacht hat. Letz­tes Jahr wäh­rend des Rama­dan habe sie unbe­dingt den Koran rezi­tie­ren müs­sen, um ein Unglück von ihrer Fami­lie abzu­wen­den, erzähl­te sie mir. Dazu habe sie auch zu der unkon­ven­tio­nel­len Pil­len­me­tho­de gegrif­fen. Sie wür­de es aller­dings nie wie­der tun. Als sie mit ihren zwei Packun­gen durch war, hat­te sie zwar das Unglück ver­hin­dert, dafür aber mas­si­ve gesund­heit­li­che Pro­ble­me in den unhei­li­gen Mona­ten nach Rama­dan.

Tafel

Streit um die Tische der Gna­de

(Kai­ro, Rama­dan 1997)

Wäh­rend des Rama­dan schlägt jeden Tag kurz nach Son­nen­un­ter­gang in Kai­ro die Stun­de der Armen: Dann ver­sam­meln sich die Habe­nicht­se der Stadt vor einer der zahl­rei­chen Moscheen zum Essen­fas­sen. Damit sich die unte­ren Mil­lio­nen wenigs­tens einen Monat lang von ande­ren Nah­rungs­mit­teln als brau­nen Boh­nen, Zwie­beln und Brot ernäh­ren kön­nen, haben vie­le isla­mi­sche Bethäu­ser eine Armen­spei­sung ein­ge­rich­tet. Jedes Jahr lässt sich so an den Tisch­rei­hen, die dort auf offe­ner Stra­ße unter frei­em Him­mel auf­ge­baut wer­den, die wach­sen­de Ver­ar­mung der Stadt atmo­sphä­risch mes­sen.

In den letz­ten Jah­ren haben die von den Moscheen ein­ge­rich­te­ten „Tische der Gna­de“ aller­dings Kon­kur­renz bekom­men. Zu einer Mahl­zeit bit­ten nun immer mehr rei­che Geschäfts­leu­te, Poli­ti­ker, Schau­spie­ler und ande­re wohl situ­ier­te Bür­ger des Lan­des. Bis­her zum Vor­teil der Kon­su­men­ten, wett­ei­fern die pro­mi­nen­ten Rei­chen des Lan­des um die Anzahl der abzu­spei­sen­den Armen. Den Rekord hält eine Grup­pe von Geschäfts­leu­ten, die an ihrem Tisch direkt vor dem Kai­ro­er Schüt­zen­klub täg­lich 1500 Esser ver­sorgt.

Der Drang der High Socie­ty, im hei­li­gen Monat Gutes zu tun, lässt die­se mit­un­ter zu unge­wöhn­li­cher Form auf­lau­fen. Unge­ahn­te Dienst­leis­tun­gen wer­den den Mit­tel­lo­sen zuteil. So hat sich die­ses Jahr sogar eine Art Lie­fer­ser­vice für jene Schwa­chen und Alten ein­ge­bür­gert, die es nicht aus eige­ner Kraft bis zur nächs­ten öffent­li­chen Gna­den­ta­fel schaf­fen. Schät­zun­gen gehen davon aus, dass inzwi­schen bis zu 10 000 die­ser güti­gen Tische lan­des­weit pro Rama­dan bis zu sechs Mil­lio­nen Men­schen spei­sen.

Das Gan­ze wür­de zum Woh­le aller gerei­chen. Das Gewis­sen der Rei­chen wäre eben­so befrie­digt wie die Mägen der Armen – wären da nicht eini­ge kon­ser­va­ti­ve Scheichs, denen nicht alle Tafeln genehm bezie­hungs­wei­se bestimm­te Gön­ner ein Dorn im Auge sind. Im Kern der Über­le­gun­gen stand die­se Fra­ge: Darf man das von einer Bauch­tän­ze­rin gestif­te­te Essen unbe­denk­lich zu sich neh­men? Der Prä­si­dent der Al-Azhar-Uni­ver­si­tät, Omar Haschem, hat jetzt dazu ein kla­res Nein geäu­ßert. Mus­li­me soll­ten das Essen, das ihnen von Bauch­tän­ze­rin­nen gestif­tet wird, ableh­nen, ließ der Chef der Isla­mi­schen Uni­ver­si­tät ver­lau­ten. Auch die Kost jener, die durch Zins­ge­schäf­te und Dro­gen­han­del reich gewor­den sind, müs­se in Zukunft ver­schmäht wer­den.

Wel­che Tra­gik für die Armen, zählt doch gera­de der Tisch der bekann­tes­ten ägyp­ti­schen Bauch­tän­ze­rin, Fifi Abdou, zu den reich­hal­tigs­ten. Die 45-Jäh­ri­ge hat sich in den letz­ten Jah­ren nicht nur durch ihre akro­ba­ti­sche Bauch­gym­nas­tik, son­dern auch durch einen hoch­qua­li­ta­ti­ven „Gna­den­tisch“ einen guten Namen gemacht. Bis zu einem Vier­tel eines Leh­rer­ge­hal­tes soll sie pro Mahl­zeit mit­un­ter auf­brin­gen.

Mit der Äch­tung der frei­wil­li­gen Gaben an die Armen könn­ten in Zukunft viel­leicht auch die offi­zi­el­len Abga­ben an den Staat in Ver­ruf gera­ten, falls die Scheichs in Zukunft die Steu­ern der Bauch­tän­ze­rin­nen als „haram“ – isla­misch: tabu – erklä­ren. Nach einem Bericht des ara­bi­schen Maga­zins Al-Wasat zah­len die zwölf Top-Bauch­tän­ze­rin­nen des Lan­des jähr­lich 400 Mil­lio­nen Pfund an den ägyp­ti­schen Fis­kus. Damit steht ihre von den Scheichs ange­grif­fe­ne Bran­che an sechs­ter Stel­le der steu­er­zah­len­den Berufs­zwei­ge. Das und der Hun­ger der Armen dürf­ten garan­tie­ren, dass die kon­ser­va­ti­ven Scheichs mit der Tabui­sie­rung von Bauch­t­anz­ein­künf­ten wohl dies­mal den Kür­ze­ren zie­hen wer­den.

Datteln

Via­gra-Dat­teln zum Rama­dan

(Kai­ro, Rama­dan 2002)

Als der alte nubi­sche Pfört­ner Mukhtar gera­de noch zwei Zäh­ne übrig hat­te, bekam er ein neu­es, strah­lend wei­ßes Gebiss. Doch ges­tern Mor­gen grins­te er die Bewoh­ner sei­nes Kai­ro­er Gebäu­des wie­der mit dem ein­ge­fal­le­nen und lee­ren Mund an. „Rama­dan Karim“ und „Kul Sana wa inta Tay­y­eb“ – „Der Rama­dan ist groß­zü­gig und es soll dir das gan­ze Jahr über gut gehen“, mur­melt er die Begrü­ßungs­for­mel des Rama­dan. Sei­ne neu­en künst­li­chen Zäh­ne, sagt er, habe er her­aus­ge­nom­men. Schließ­lich brau­che er sie beim Fas­ten bis zur Abend­däm­me­rung nicht.

Ganz Kai­ro hat sich schon seit Tagen auf die bevor­ste­hen­den Fest­lich­kei­ten vor­be­rei­tet. Die Ver­kehrs­po­li­zei hat einen beson­de­ren Kri­sen­stab für die berüch­tig­ten Rama­dan-Ver­kehrs­staus ein­ge­rich­tet. Die größ­te pri­va­te Mobil­netz­fir­ma hat in allen Zei­tun­gen gro­ße Anzei­gen geschal­tet, dass ihre Mit­ar­bei­ter wäh­rend des hei­li­gen Monats nur von 10.30 bis 14.30 Uhr zur Ver­fü­gung ste­hen. Rama­dan Karim – der Rama­dan ist groß­zü­gig.

In den engen Gas­sen leuch­ten von Kin­dern auf­ge­häng­te Rama­dan-Later­nen in allen For­men und Far­ben. Beson­de­rer Hit die­ses Jahr ist die tan­zen­de Later­ne, die im Takt der neu­es­ten ägyp­ti­schen Schla­ger mit­schwingt. Die Läden sind voll mit Nüs­sen und getrock­ne­ten Früch­ten. Über­all riecht es nach fri­schem, spe­zi­el­lem Rama­dan-Gebäck, für die Zeit, wenn bei Son­nen­un­ter­gang das Ift­ar, also das Fas­ten­bre­chen, ansteht.

Doch die Stim­mung in der ägyp­ti­schen 18-Mil­lio­nen-Stadt ist die­ses Jahr ein wenig gedrückt. Nicht etwa, weil mög­li­cher­wei­se ein Krieg im Irak vor der Tür steht. Bag­dad ist weit, der eige­ne grum­meln­de Magen mel­det sich dage­gen unmit­tel­bar. Das Gedeck der Ift­ar-Tische in der Abend­däm­me­rung wird die­ses Mal wohl ein wenig mage­rer als sonst aus­fal­len. Der Grund: Die Prei­se für aller­lei Zuta­ten zum Rama­dan-Essen haben in Ägyp­ten enorm ange­zo­gen. „Selbst Zucker kön­nen wir uns nicht mehr in gro­ßen Men­gen leis­ten“, beklagt sich eine Kai­ro­er Haus­frau. Zusam­men mit Mehl ist der Preis für Zucker im Schnitt zum Vor­jahr um 10 bis 15 Pro­zent gestie­gen. Das Haupt­pro­blem ist aller­dings das Yameesch, die Mischung getrock­ne­ter Früch­te – für jeden Rama­dan unab­ding­bar –, hat­te doch schon der Pro­phet Muham­mad sein Fas­ten mit die­sen Früch­ten gebro­chen.

Sei­en es getrock­ne­te Apri­ko­sen, Pflau­men oder Rosi­nen – bis zu 300 Pro­zent mehr kos­ten die­se Pro­duk­te im Ver­gleich zum Vor­jahr. Es dem Pro­phe­ten nach­zu­tun, ist zum Luxus gewor­den. Der Grund: All die­se Früch­te sind impor­tiert, und das Pfund, die ägyp­ti­sche Wäh­rung, ist immer weni­ger wert. Wohl­weis­lich haben die Yameesch-Impor­teu­re ihre Ein­fuh­ren die­ses Jahr fast um die Hälf­te ein­ge­schränkt.

Die Ver­zweif­lung kennt in man­chen Fäl­len kei­ne Gren­zen. Die Feu­er­wehr wur­de die­se Woche zu einem Woh­nungs­brand geru­fen, um nach dem Löschen des Feu­ers fest­zu­stel­len, dass der Brand von der Mie­te­rin selbst gelegt wor­den war. Die Haus­frau woll­te damit dage­gen pro­tes­tie­ren, dass ihr Ehe­mann die­ses Jahr kein Yameesch nach Hau­se gebracht hat­te. Geschätz­ter Scha­den: ca. 6000 Euro oder umge­rech­net zwei Ton­nen getrock­ne­te Apri­ko­sen.

Unter­des­sen ver­su­chen die Händ­ler auf dem Dat­tel­markt unter einer der Nil­brü­cken der Stadt mit lau­tem Rufen ein paar Käu­fer zu fin­den. Jedes Jahr wech­seln die Namen ihrer Pro­duk­te. Die­ses Jahr läuft die teu­ers­te Sor­te unter dem Mar­ken­na­men „Via­gra-Dat­tel“. Gleich danach ran­giert „Lei­la Ala­wi“ auf Rang zwei, benannt nach einer bekann­ten dral­len ägyp­ti­schen Schau­spie­le­rin, die auch als Sex-Sym­bol ange­se­hen wird. Gleich dane­ben fin­det sich der schrum­pe­li­ge Aus­schuss als „Bush“ oder „Scha­ron“ im Ange­bot.

Ein Kilo Via­gra-Dat­teln kos­tet aller­dings gut zehn Pro­zent eines durch­schnitt­li­chen Monats­ge­hal­tes. Der nubi­sche Pfört­ner Mukhtar wird sich also mit sei­nem neu­en Gebiss höchst­wahr­schein­lich mit einem tro­cke­nen US-Prä­si­den­ten oder israe­li­schen Pre­mier­mi­nis­ter abmü­hen müs­sen. Es sei denn, einen der rei­che­ren Haus­be­woh­ner packt die Gna­de des Rama­dan und er bringt Mukhtar doch ein paar saf­ti­ge brau­ne Via­gras mit.

Pril

Spü­li-Later­nen erhel­len die drei Pha­sen der Fas­ten­zeit

(Kai­ro, Rama­dan 2006)

Fast drei Vier­tel des isla­mi­schen Fas­ten­mo­nats sind um. Der Rama­dan soll­te eigent­lich ein besinn­li­cher Monat sein, ähn­lich der Weih­nachts­zeit. Aber im Mor­gen- wie im Abend­land sind es doch mensch­li­che Krea­tu­ren, die die gött­li­che Bestim­mung der spi­ri­tu­el­len Zeit auf ihre eige­ne Art aus­le­gen. Hier wie dort steht die Wer­be­wirt­schaft an vor­ders­ter hei­li­ger Front. Höhe­punkt in Kai­ro ist die­ses Jahr die Pril-Fla­sche in Form einer Rama­d­an­la­ter­ne, zu haben im Sech­ser­pack, damit es auch den gan­zen Monat reicht.

Der Rama­dan durch­läuft drei sehr ver­schie­de­ne Pha­sen, berich­ten Buch­händ­ler einem Jour­na­lis­ten, der wis­sen will, wel­che Lite­ra­tur gut geht: In der spi­ri­tu­el­len Pha­se der ers­ten Woche, der Zeit des Gebets und des In-sich-Gehens, wer­den reli­giö­se Wer­ke ver­schlun­gen. In der zwei­wö­chi­gen Pha­se des leib­li­chen Wohls sind die Best­sel­ler Koch­bü­cher, die Inspi­ra­tio­nen für ori­en­ta­li­sche Köst­lich­kei­ten zum abend­li­chen Fas­ten­bre­chen lie­fern. In der drit­ten Pha­se der Panik wird die Rech­nung prä­sen­tiert. Gefragt sind Bücher mit spar­ta­ni­schen Diä­ten, die dem Über­ge­wicht zu Lei­be rücken sol­len. Rein sta­tis­tisch kon­su­mie­ren die Ägyp­ter im Fas­ten­mo­nat fast dop­pelt so viel wie in den rest­li­chen Mona­ten des Jah­res. Nach dem Mot­to: tags­über nichts, aber abends eine reich gedeck­te Tafel.

Die isla­mi­schen Rechts­ge­lehr­ten wen­den sich ihrer­seits den für die Fas­ten­zeit rele­van­te­ren Fra­gen zu. Etwa der fol­gen­den Fat­wa-Dis­kus­si­on: Gehört nebst Essen, Trin­ken und Sex auch das Rau­chen zu den Din­gen, die von Son­nen­auf- bis ‑unter­gang tabu sind? Mil­lio­nen schlecht gelaun­ter, ent­halt­sa­mer mus­li­mi­scher Rau­cher wür­den eini­ges drum geben, wenn der blaue Dunst in Zukunft nicht mehr ins Fas­ten­pro­gramm ein­be­zo­gen wür­de. Aus­ge­rech­net Gam­al Al-Ban­na, Nef­fe des Grün­ders der Mus­lim­brü­der, warf in den Medi­en die­se heik­le Fra­ge auf. Zwar hei­ße es im ägyp­ti­schen Dia­lekt nicht „man raucht eine Ziga­ret­te“, son­dern „man trinkt eine Ziga­ret­te“, doch das allein kön­ne nicht für ein Rauch­ver­bot aus­rei­chen. Es gebe kei­nen hei­li­gen Text, der das Rau­chen expli­zit unter­sa­ge. Kein Wun­der: Zu Zei­ten des Pro­phe­ten vor fast 1400 Jah­ren gab es zwar Kame­le, aber noch nicht in Ziga­ret­ten­päck­chen. Der Rauch sei nur hei­ße Luft mit Zusät­zen, meint Al-Ban­na, und wenn die Gläu­bi­gen Staub ein­at­men oder ver­se­hent­lich eine Flie­ge ver­schluck­ten, hät­ten sie damit sicher nicht ihr Fas­ten gebro­chen. Zudem sei­en sich die Rechts­ge­lehr­ten einig, dass Gerü­che, die das Hirn errei­chen, auch im Rama­dan nichts Ver­derb­li­ches sei­en. Und was sei das Rau­chen schließ­lich ande­res?

Natür­lich blieb die­se gewag­te Inter­pre­ta­ti­on nicht unwi­der­spro­chen. Das Rau­chen sei ein­deu­tig ein Ver­lan­gen und müs­se daher beim Fas­ten unter­bun­den wer­den, hält Ahmed Taha Rayan, Ex-Dekan der isla­mi­schen Al-Azhar-Uni­ver­si­tät, rigo­ros dage­gen. Neben­bei bemerkt dür­fen die Fat­wa-Kon­tra­hen­ten davon frei­ge­spro­chen wer­den, im Eigen­in­ter­es­se zu debat­tie­ren. Der Ver­tei­di­ger der hei­ßen Luft, Al-Ban­na, ist Nicht­rau­cher, wäh­rend Ex-Dekan Rayan als Ket­ten­rau­cher weiß, wovon er spricht, wenn er dem zügel­lo­sen Ver­lan­gen zumin­dest bei Tages­licht Ein­halt gebie­ten will.

Fernsehen - TV

Tags­über fas­ten, abends fern­se­hen

(Kai­ro, Rama­dan 2007)

Es ist eine Ver­ge­wal­ti­gungs­sze­ne, die im dies­jäh­ri­gen Rama­dan in der ara­bi­schen Welt für Gesprächs­stoff sorgt. In der Rama­dan-Fern­seh­se­rie „Qadi­yat Ra’i A’am – eine öffent­li­che Ange­le­gen­heit – es geht alle an“ wird die Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­rin Abla Abdel Rah­man, die mit zwei Frau­en auf dem Weg von der Arbeit nach Hau­se ist, ent­führt und ver­ge­wal­tigt. Gespielt von der ägyp­ti­schen Film­di­va Yous­ra, ist Abla Abdel Rah­man die ein­zi­ge der drei Frau­en, die das Ver­bre­chen anzeigt. Die wei­te­ren Fol­gen beschäf­ti­gen sich damit, wie die Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fer auf eine Mau­er aus Scham sto­ßen. Von ihren Fami­li­en bis hin zu den Behör­den, die den Fall auf­klä­ren sol­len, wer­den sie wie Aus­sät­zi­ge behan­delt.

Im Rama­dan wird nicht nur gefas­tet, es ist auch der Monat, in dem die gesam­te ara­bi­sche Welt vor dem Fern­se­her sitzt. Tags­über macht es das Fas­ten leich­ter, nachts wird vor der Matt­schei­be ver­daut. Jedes Jahr wett­ei­fern auf­wän­di­ge, eigens für den Rama­dan pro­du­zier­te und täg­lich aus­ge­strahl­te „Mus­al­sa­lat“, ara­bi­sche Tele­no­ve­las, um die Gunst der Zuschau­er. Fil­me­ma­cher und Fern­seh­sta­tio­nen wis­sen, dass sie die­sen Kampf nur für sich ent­schei­den kön­nen, wenn sie gesell­schaft­lich und poli­tisch kon­tro­ver­se „hei­ße Eisen“ auf­grei­fen. Über fünf­zig Seri­en loten in die­sem Rama­dan die gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Gren­zen aus. Ob Ver­ge­wal­ti­gung, Ter­ror und Islam, poli­ti­sche Sati­ren oder so sen­si­ble The­men wie die Ver­er­bung der Herr­scher­macht vom Vater zum Sohn – die Seri­en machen vor kei­nem gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Tabu Halt.

Das löst Kon­tro­ver­sen aus, die nicht nur vor und nach jeder Fol­ge in den Medi­en aus­ge­tra­gen, son­dern zum Teil noch Mona­te nach Ende des Rama­dan und der Aus­strah­lung der letz­ten Fol­ge dis­ku­tiert wer­den. Und auch im Fal­le der rea­lis­tisch nach­ge­stell­ten Ver­ge­wal­ti­gungs­sze­ne, bei der sich die Schau­spie­le­rin Yous­ra laut Medi­en­be­rich­ten tat­säch­lich ver­letzt haben soll, blieb die Reak­ti­on nicht aus. In der Pres­se wird dar­über debat­tiert, ob eine gewalt­tä­ti­ge Sex­sze­ne dem spi­ri­tu­el­len Geist des Rama­dan ent­spricht. „Die Ver­ge­wal­ti­gungs­sze­ne rui­niert den Ruf Ägyp­tens und ver­treibt Tou­ris­ten“, lau­tet der Ein­wand von Ahl­am Hana­fi, Mit­glied des halb­staat­li­chen ägyp­ti­schen „Rates für Kin­der- und Frau­en­rech­te“. Es sei natür­lich, dass die Zuschau­er von dem The­ma auf­ge­wühlt sei­en, ent­geg­net der ägyp­ti­sche Film­kri­ti­ker Tarek El-Schena­wy. „Aber auch das ame­ri­ka­ni­sche Kino greift schließ­lich immer wie­der The­men wie Kor­rup­ti­on, Dro­gen­miss­brauch und Ver­ge­wal­ti­gung auf, ohne dem Tou­ris­mus oder dem Image der USA zu scha­den“, kon­tert er.

„Bis­her begeg­net die ara­bi­sche Gesell­schaft dem Ver­bre­chen der Ver­ge­wal­ti­gung mit der Vogel-Strauß-Tech­nik – Kopf in den Sand“, schreibt die Wochen­zei­tung Al-Ahr­am Weekly dazu. „Unse­re Gesell­schaft ver­wan­delt Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fer in Pro­sti­tu­ier­te“, erklärt auch Yous­ra, die Haupt­dar­stel­le­rin, in zahl­rei­chen Inter­views: „Es ist immer die Schuld der Frau, ent­we­der wegen der Art, wie sie ange­zo­gen ist, oder weil sie zu spät unter­wegs war.“ Die ägyp­ti­sche Psy­cho­lo­gin Abier Al-Bar­ba­ry ist voll des Lobes für den Eis­bre­cher-Effekt der Serie: „Yous­ra wird als Idol für vie­le ara­bi­sche Frau­en mit die­ser Serie die gesell­schaft­li­che Mau­er des Schwei­gens zum The­ma Gewalt gegen Frau­en ein­rei­ßen“, hofft sie.

Viel­leicht noch klas­si­scher für den ara­bi­schen Umgang mit Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fern ist die zwei­te Haupt­dar­stel­le­rin, die jun­ge Assis­tenz­ärz­tin Hanan, die aus dem länd­li­chen Ober­ägyp­ten stammt. Ihre Fami­lie zwingt sie dazu, den gan­zen Fall zu ver­schwei­gen – aus Angst, ihre Ehre zu ver­lie­ren. Ihr Bru­der fasst das mit einem „es wäre bes­ser gewe­sen, sie hät­ten dich umge­bracht“ zusam­men. Und auch der Vater resi­gniert vor dem gesell­schaft­li­chen Ehr­be­griff und zitiert ein ägyp­ti­sches Sprich­wort: „Wenn das Huhn zum Schlach­ten fest­ge­hal­ten wird, kann es nichts mehr machen.“

Manch­mal brin­gen die Rama­dan-Tele­no­ve­las gesell­schaft­li­che Ver­schluss­sa­chen in die öffent­li­che Dis­kus­si­on. In ande­ren Fäl­len pas­sen sie auf­fäl­lig gut, um das Volk auf poten­zi­el­le Plä­ne der ara­bi­schen Regime vor­zu­be­rei­ten. Die die­ses Jahr wohl belieb­tes­te Rama­dan-Serie Ägyp­tens, „König Faruq“, erzählt die Lebens­ge­schich­te des letz­ten Königs am Nil, der 1952 von den frei­en Offi­zie­ren unter Füh­rung des ers­ten ägyp­ti­schen Prä­si­den­ten Gam­al Abdel Nas­ser gestürzt wur­de. Bis­her war Faruq in der offi­zi­el­len repu­bli­ka­ni­schen ägyp­ti­schen Geschichts­schrei­bung immer als fett, dumm und deka­dent por­trä­tiert wor­den. Die Serie zeich­net erst­mals ein mensch­li­ches und sym­pa­thi­sches Bild von Ägyp­tens Mon­ar­chie. Kein Zufall, glaubt der ägyp­ti­sche Inter­net­blog­ger Wael Abbas. „Manch­mal wer­den die Seri­en pro­du­ziert, um die öffent­li­che Mei­nung zu einem The­ma aus­zu­lo­ten“, sagt er. „Das heu­ti­ge Ägyp­ten erlebt gera­de eine Pha­se, in der die Ver­er­bung der Macht ein durch­aus wahr­schein­li­ches Sze­na­rio ist, ganz wie zu Zei­ten der Mon­ar­chie.“ Tat­säch­lich wird seit Mona­ten in Kai­ro hef­tig dar­über debat­tiert, ob der 79-jäh­ri­ge ägyp­ti­sche Prä­si­dent Hos­ni Muba­rak ver­su­chen wird, sein Amt an sei­nen Sohn Gam­al zu ver­er­ben. Damit wäre Ägyp­ten nach Syri­en, in dem Baschar Al-Assad sei­nem Vater Hafiz Al-Assad gefolgt ist, die zwei­te ara­bi­sche Repu­blik, die eine prä­si­dia­le Fami­li­en­thron­fol­ge ein­führt. Nach der Assad- könn­te die Muba­rak-Dynas­tie vor der Tür ste­hen. Da soll­te wohl eine roy­al wohl­wol­len­de Serie zur Prime­time schon mal den Boden berei­ten.

Doch es gibt auch Fäl­le, in denen die ara­bi­schen Auto­ri­tä­ten all­zu kon­tro­ver­se Seri­en aus­brem­sen. So gesche­hen die­ses Jahr mit der 30 Fol­gen umfas­sen­den kuwai­ti­schen Pro­duk­ti­on „Sün­den haben ihren Preis“. Dort soll­te eigent­lich so man­che heuch­le­ri­sche Dop­pel­mo­ral der Gesell­schaf­ten am Ara­bi­schen Golf, beson­ders in Kuwait, auf­ge­grif­fen wer­den. Eines der The­men war die in der schii­ti­schen Reli­gi­on insti­tu­tio­na­li­sier­te kon­tro­ver­se Hei­rats­form der „Muta’a“. Eine Art „Ehe auf Zeit“, erlaubt sie dem Paar, für nur eini­ge Stun­den bis hin zu eini­gen Jah­ren, aber auf jeden Fall begrenzt, den Bund zu schlie­ßen. Eine gan­ze Lita­nei von Beschwer­den kuwai­ti­scher Geist­li­cher und Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ter führ­te dazu, dass der in Dubai ansäs­si­ge Satel­li­ten­sen­der MBC die Serie nur drei Tage vor Beginn aus dem Pro­gramm nahm. „Sie por­trä­tie­ren unse­re Mäd­chen als Pro­sti­tu­ier­te“, lau­te­te etwa der Vor­wurf von Abdul Wahid Khal­fan von der „Schii­ti­schen Alli­anz für Gerech­tig­keit und Frie­den“. Ande­re war­fen ein, dass die Serie zu Zei­ten der gegen­wär­ti­gen sun­ni­tisch-schii­ti­schen Span­nun­gen noch mehr Öl ins Feu­er gie­ße. „In der Serie geht es um Men­schen, die die Reli­gi­on falsch inter­pre­tie­ren. Es geht nicht um die Insti­tu­ti­on der Muta’a‑Ehe als sol­che, son­dern dar­um, wie sie aus­ge­nutzt wird“, hieß es in einer Erklä­rung des Sen­ders. Dann ver­schwand „Sün­den haben ihren Preis“ in der Ver­sen­kung.

Im Irak wol­len die Fern­seh­zu­schau­er alles ande­re als Rea­li­ty-TV. Offen­sicht­lich haben sie genug von den mör­de­ri­schen sun­ni­tisch-schii­ti­schen Span­nun­gen, die sie jeden Tag auf der Stra­ße erle­ben. In Bag­dad sind Rama­dan-Komö­di­en hoch im Kurs, oder bes­ser gesagt poli­ti­sche Sati­ren. „Anba Al-Watan– Nach­rich­ten aus der Hei­mat“ lau­tet der Titel von Iraks belieb­tes­ter Serie. Die Haupt­per­son ist der Prä­si­dent eines nicht nament­lich genann­ten ara­bi­schen Lan­des, das dem Irak so ähnelt wie der Held dem ira­ki­schen Prä­si­den­ten Dscha­lal Tal­aba­ni. Der Staats­chef, bewacht von koket­tie­ren­den weib­li­chen Body­guards, erlässt ein blöd­sin­ni­ges Dekret nach dem ande­ren, etwa die Order, dass die Ira­ker nun Visa benö­ti­gen, um ihre Ange­hö­ri­gen ein paar Häu­ser wei­ter zu besu­chen. Das ist der Rea­li­tät näher, als es zunächst aus­sieht. Tat­säch­lich wer­den neu­er­dings schii­ti­sche und sun­ni­ti­sche Vier­tel in Bag­dad aus Sicher­heits­grün­den mit hohen Beton­wäl­len getrennt. Alle, ob Sun­ni­ten, Schii­ten oder Kur­den, bekom­men in der Serie glei­cher­ma­ßen ihr Fett ab. Übri­gens wur­de der aus­strah­len­de Sen­der Al-Schar­ki­ja bereits letz­ten Janu­ar im Irak ver­bo­ten, nicht zuletzt wegen sei­nes respekt­lo­sen Umgangs mit ira­ki­schen Auto­ri­tä­ten. Er sen­det seit­dem per Satel­lit aus Dubai. Das staat­li­che ira­ki­sche Fern­se­hen hin­ge­gen mei­det Unter­hal­tung und besinnt sich auf die eigent­li­chen Grund­sät­ze des Rama­dan. Im Pro­gramm: ein täg­li­ches Inter­view mit einem Arzt über gesund­heit­li­che Vor­zü­ge des Fas­tens.

Autor
• Karim El-Gawha­ry.
Quel­le
• Karim El-Gawha­ry: All­tag auf ara­bisch – Nah­auf­nah­men von Kai­ro bis Bag­dad. Kre­mayr & Sche­ri­au KG, Wien, 2013 (bei Ama­zon kau­fen).
Bild­nach­weis
• Hai­dan (unsplash.com, bVuE­­49x-Fxw).
• Che­n­yang Gao (unsplash.com, 0‑SARiQX6NE).
• Joshua Cole­man (unsplash.com, AVqs0ItdMQM).
• Fran­ces­co Tom­ma­si­ni (unsplash.com, tEi6VVgmEtU).
• JeShoots.com (unsplash.com, __ZMnefoI3k).
• Peter Geo (unsplash.com, pFfZDaTVdtc).
wei­te­re Infos
Deut­lich häu­fi­ger Ver­stop­fung im isla­mi­schen Fas­ten­mo­nat Rama­dan
Ver­stop­fung durch Fas­ten: Meist ver­schwie­gen, leicht zu ver­mei­den