Darm­flo­ra, Ent­wick­lung und Funk­tio­nen des Immun­sys­tems

von Prof. Dr. Stig Beng­mark (wei­te­re Infos)

Darmflora - Zivilisationsschäden

Das Mikro­bi­om (Darm­flo­ra) von West­lern ist gegen­über auf dem Land leben­den Per­so­nen mit einer Lebens­wei­se, die unse­ren Stein­zeit-Vor­fah­ren ähnelt, signi­fi­kant redu­ziert. Genau­so wie im Ver­gleich zu frei leben­den Pri­ma­ten wie Schim­pan­sen. Die meis­ten Bestand­tei­le von indus­tri­ell her­ge­stell­ten Lebens­mit­tel im Wes­ten wer­den im obe­ren Teil des Dünn­darms absor­biert und sind somit nur von beschränk­tem Nut­zen für die Darm­flo­ra. Der Man­gel an ange­mes­se­ner Nähr­stoff­ver­sor­gung des Mikro­bi­oms liegt als wich­ti­ger Fak­tor einer dys­funk­tio­na­len Darm­flo­ra, der ente­r­alen Dys­bio­se, einer chro­nisch gestei­ger­ten Ent­zün­dungs­re­ak­ti­on oder der Pro­duk­ti­on und dem Durch­tritt von Endo­to­xi­nen durch die ver­schie­de­nen Gewe­be­schran­ken (“Leaky-Gut-Syn­drom”) zugrun­de.

Hin­zu kommt ein Über­kon­sum von insu­li­no­ge­ner Nah­rung und Pro­teo­to­xi­nen, wie zum Bei­spiel End­pro­duk­te der exo­ge­nen Gly­ka­ti­on (AGE) und Lip­oxi­da­ti­on (ALE), Glu­ten und Zein, und eine ver­rin­ger­te Auf­nah­me von Obst und Gemü­se, die Schlüs­sel­fak­to­ren für die häu­fig beob­ach­te­te erhöh­te sys­te­mi­sche Inflamm­a­ti­on und die ende­mi­sche Aus­brei­tung von Adi­po­si­tas und chro­ni­schen Krank­hei­ten sind – Fak­to­ren, die wahr­schein­lich für das Mikro­bi­om genau­so schäd­lich sind. Als eine Fol­ge die­ses Lebens­stils und der ent­spre­chen­den Ess­ge­wohn­hei­ten nimmt die Per­mea­bi­li­tät der meis­ten Schran­ken zwi­schen Gewe­be­kom­par­ti­men­ten zu, ein­schließ­lich Darm, Atem­we­ge, Haut, Mund­höh­le, Vagi­na, Pla­zen­ta, Blut-Hirn-Schran­ke.

Die Ver­su­che, die­se Bar­rie­ren durch die Ver­wen­dung von soge­nann­ten “Pro­bio­ti­ka”, die oral in den Darm ein­ge­bracht wer­den, zu rekon­di­tio­nie­ren, sind sel­ten erfolg­reich, und ver­sa­gen manch­mal, wenn sie wie üblich als The­ra­pie­er­gän­zung ange­wandt wer­den (zum Bei­spiel par­al­lel zu einer ein­grei­fen­den Arz­nei­the­ra­pie, die sehr häu­fig aus Anti­bio­ti­ka und Che­mo­the­ra­pie besteht).

Darm­flo­ra-Auf­bau und Immun­schutz: Weni­ger mit Pro­bio­ti­ka, eher mit Prä­bio­ti­ka mög­lich

Paläodiät, Gemüse und Darmflora

Es kann zuneh­mend beob­ach­tet wer­den, dass die Mehr­zahl aller Medi­ka­men­te, selbst jener mit vor­geb­lich gerin­gen Neben­wir­kun­gen wie zum Bei­spiel Pro­to­nen­pum­pen­hem­mer oder Blut­druck­sen­ker, in Wirk­lich­keit die Ent­wick­lung und Funk­tio­nen des Immun­sys­tems beein­träch­ti­gen und höchst­wahr­schein­lich auch für das Mikro­bi­om schäd­lich sind. Eben­so zeigt sich, dass Pro­bio­ti­ka-Behand­lun­gen nicht mit phar­ma­ko­lo­gi­scher The­ra­pien kom­pa­ti­bel ist. Öko-bio­lo­gi­sche Behand­lun­gen mit aus Pflan­zen stam­men­den Sub­stan­zen oder sekun­dä­ren Pflan­zen­stof­fen, zum Bei­spiel Cur­cu­min oder Res­ver­at­rol, und Prä‑, Pro- und Syn­bio­ti­ka bie­ten – als Bio­lo­gi­ka ein­ge­setzt – ähn­li­che the­ra­peu­ti­sche Effek­te, wir­ken dabei jedoch mil­der und sind frei von Neben­wir­kun­gen.

Sol­che Behand­lun­gen soll­ten als alter­na­ti­ve The­ra­pien geprüft wer­den. Vor allem zur Krank­heits­vor­beu­gung, aber auch bei den Anfangs­sta­di­en von chro­ni­schen Erkran­kun­gen. Die phar­ma­zeu­ti­sche Behand­lung hat ver­sagt – zumin­dest bis heu­te -, den Tsu­na­mi ende­mi­scher Erkran­kun­gen auf­zu­hal­ten, der sich über die Welt aus­brei­tet. Und: Neue Optio­nen sind nicht in Sicht. Dra­ma­ti­sche Ver­än­de­run­gen, in Rich­tung von paläo­li­thi­schem Lebens­stil und Ernäh­rungs­wei­se, erschei­nen als ein­zi­ge poten­ti­ell wirk­sa­me Alter­na­ti­ve, um die gegen­wär­tig eska­lie­ren­de Kri­se zu meis­tern. Der hier vor­ge­leg­te Review kon­zen­triert sich auf Stu­di­en mit Men­schen, vor allem sol­che von kli­ni­scher Rele­vanz. (Kurz­fas­sung)

Autor
• Stig Beng­mark1.
1Divi­si­on of Sur­gery & Inter­ven­tio­nal Sci­ence, Uni­ver­si­ty Col­lege Lon­don, 4th flo­or, 74 Hunt­ley Street, Lon­don WC1E 6AU, United King­dom. [email protected]
Quel­le
Beng­mark S: Gut micro­bio­ta, immu­ne deve­lo­p­ment and func­tion. Phar­ma­col Res. 2013 Mar;69(1):87–113 (Kurz­fas­sun­gen: PMID, DOI).
Bild­nach­weis
• Daryan Shamkha­li (unsplash.com, xFQ­­q3I­u7-PY).
• Chan­tal Gar­nier (unsplash.com, 910GanwBoew).
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