Ver­stop­fung bei Schicht­ar­beit sehr häu­fig

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Fast 50% aller Schicht­ar­bei­te­rin­nen und Schicht­ar­bei­ter lei­den bei uns – neben ande­ren gesund­heit­li­chen Pro­ble­men durch die unnor­ma­len Arbeits­zei­ten – unter chro­ni­scher oder häu­fi­ger Ver­stop­fung [1, 2]. Anders als bei Brust­krebs von Schicht­ar­bei­te­rin­nen, der in man­chen Län­dern als Berufs­krank­heit ent­schä­digt wird, wird das bestehen­de Mil­lio­nen­pro­blem der Magen-Darm­er­kran­kun­gen durch Schicht­ar­beit [3] von den Kos­ten­trä­gern zwar gese­hen, aber nicht als Berufs­krank­heit aner­kannt [4] (schließ­lich geht es um viel Geld).

So unklar die Ursa­chen der Ver­stop­fung lan­ge waren, so unver­stan­den war auch die Darm­träg­heit durch Schicht­ar­beit. Klar ist, dass äuße­re Ursa­chen zu Ver­stop­fun­gen füh­ren. Eine der häu­figs­ten sind Medi­ka­men­te – rund 1.000 Arz­nei­mit­tel-Wirk­stof­fe haben ver­stop­fen­de Effek­te (→ Arz­nei­mit­tel (Wirk­stof­fe), mit Obs­ti­pa­ti­on (Ver­stop­fung) als uner­wünsch­ter Wir­kung), allen vor­an Anti­bio­ti­ka. Schwe­re Ver­stop­fung lösen auch stark wirk­sa­me Schmerz­mit­tel aus, wie sie vie­le Schmerz­pa­ti­en­ten und Schwerst­kran­ke bekom­men. Eine wei­te­re häu­fi­ge Ursa­che ist das Auf­schie­ben des Toi­let­ten­gangs, wenn kla­rer Stuhl­drang besteht. Wer auf die­ses kla­re Kör­per­si­gnal zu oft nicht reagiert, und den Stuhl­gang immer wie­der „auf spä­ter“ ver­schiebt, bekommt irgend­wann chro­ni­sche Ver­stop­fung (wie zum Bei­spiel häu­fig – berufs­be­dingt – Fern­fah­rer, → Berufs­kraft­fah­rer lei­den oft unter Dau­er-Ver­stop­fung). Lan­ge wur­de ange­nom­men, dass dies oder ein­fach die Unre­gel­mä­ßig­keit der Arbeits- und Essens­zei­ten die eigent­li­che Ursa­che der Ver­stop­fung bei Schicht­ar­beit sei [5]. Doch neue­re For­schungs­er­geb­nis­se zei­gen heu­te ein­deu­tig eine ande­re Ursa­che – die nach­hal­ti­ge Stö­rung der Inne­ren Uhr [6].

Aus­nah­me: Kran­ken­schwes­tern
Eini­ge Unter­su­chun­gen bei Kran­ken­schwes­tern haben gezeigt, dass sie bei Schicht­ar­beit zwar die glei­chen Stö­run­gen des Magen-Darm­­­trak­­tes haben wie ande­re Schicht­ar­bei­ter auch (Sod­bren­nen, Blä­hun­gen, Auf­stos­sen, Geschwü­re und so wei­ter), aber nicht gehäuft Ver­stop­fung [7, 8]. War­um das so ist, ist unklar. Ein Erklä­rungs­ver­such: Pfle­ge­per­so­nal in Akut­kran­ken­häu­ser (wo die Stu­di­en durch­ge­führt wur­den) ist auch Nachts viel auf den Bei­nen. Viel kör­per­li­che Bewe­gung aber, so ist bekannt, kann erheb­lich die Beschwer­den durch chro­ni­sche Darm­träg­heit und Ver­stop­fung lin­dern.

Ver­stop­fung durch Stö­rung der Inne­ren Uhr

Schicht­ar­beit – egal ob aus­schließ­lich Nacht- oder Wech­sel­schich­ten – stört mas­siv die „Inne­re Uhr“. Die­se bio­lo­gi­sche Inne­re Uhr steu­ert die zeit­li­chen Abläu­fe aller Akti­vi­tä­ten und Funk­tio­nen von Zel­len, Gewe­ben, Orga­nen und des gesam­ten Kör­pers. Sie wird nahe­zu aus­schließ­lich durch den Lauf der Son­ne syn­chro­ni­siert, also im Takt gehal­ten. Bei Schicht­ar­beit gerät die Inne­re Uhr zuneh­mend durch­ein­an­der, vie­le Funk­tio­nen lau­fen unnor­mal ab, und es kön­nen Krank­hei­ten ent­ste­hen (Fach­be­grif­fe: „Dis­rup­ti­on der cir­ca­dia­nen Rhyth­mik“ oder kurz „Chro­nod­is­rup­ti­on“) [9]. Ähn­li­ches pas­siert – wenn auch in klei­ne­rem Umfang bei der Umstel­lung der Win­ter-/Som­mer­zeit oder bei lan­gen Flug­rei­sen (Jet­lag) [10]. Und genau die­se Stö­rung oder Beschä­di­gung unse­rer Inne­ren Uhr bringt auch die Funk­tio­nen des Darms kräf­tig durch­ein­an­der. Neben Sod­bren­nen, Geschwü­ren von Magen oder Zwölf­fin­ger­darm oder Reiz­darm kommt es so zu Ver­stop­fung. Häu­fig kom­bi­niert mit mas­si­ven Schlaf­pro­ble­men, die fast alle Schicht­ar­bei­te­rIn­nen ken­nen [11]. Die bes­te Vor­beu­gung ist nach Exper­ten­mei­nung ein­zig und allein der Stopp von Schicht­ar­beit [12, 13].

Eine ande­re Opti­on ist der Flo­ra­glück-Inhalts­stoff Inu­lin. Die­ser ernährt die „guten“ Darm­bak­te­ri­en der Darm­flo­ra, also jene Mit­be­woh­ner im Darm, die für unse­re Gesund­heit nütz­lich sind und sie nach­hal­tig för­dern. Dies akti­viert den trä­ge gewor­de­nen Dick­darm, die Ver­dau­ung kommt wie­der in Bewe­gung und Ver­stop­fungs­be­schwer­den wer­den gelin­dert oder ver­schwin­den. Da die Rege­ne­ra­ti­on der Darm­flo­ra eini­ge Wochen dau­ert, ist zur Darm­ak­ti­vie­rung mit Flo­ra­glück etwas Geduld hilf­reich.

Quel­len
[1] Ange­rer A, Petru R: Schicht­ar­beit in der moder­nen Indus­trie­ge­sell­schaft und gesund­heit­li­che Fol­gen. Som­no­lo­gie. 2010; 14:88–97 (Org).
[2] Fido A, Gha­li A: Detri­men­tal effects of varia­ble work shifts on qua­li­ty of sleep, gene­ral health and work per­for­mance. Med Princ Pract. 2008;17(6):453–7 (Kurz­fas­sun­gen: PMID | DOI).
[3] Knuts­son A, Bøg­gild H: Gas­tro­in­testi­nal dis­or­ders among shift workers. Scand J Work Envi­ron Health. 2010 Mar;36(2):85–95 (Kurz­fas­sung: PMID).
[4] Par­i­don H, Ernst S, Harth V, Nickel P, Nold A, Pal­la­pies D: Schicht­ar­beit – Rechts­la­ge, gesund­heit­li­che Risi­ken und Prä­ven­ti­ons­mög­lich­kei­ten. Deut­sche Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung (DGUV), Ber­lin, DGUV Report 1/2012 (Voll­text).
[5] Rich­mond JP, Wright MW: Review of the lite­ra­tu­re on con­s­ti­pa­ti­on to enable deve­lo­p­ment of a con­s­ti­pa­ti­on risk assess­ment sca­le. Jour­nal of Ortho­pae­dic Nur­sing. 2004;8:192–207 (Kurz­fas­sung: DOI).
[6] Tse­ng PH, Wu MS: Alte­red cir­ca­di­an rhythm, sleep dis­tur­ban­ce, and gas­tro­in­testi­nal dys­func­tion: New evi­dence from rota­ting shift workers. Advan­ces in Diges­ti­ve Medi­ci­ne. 2016;3:77e79 (Kurz­fas­sung:
DOI).
[7] Noj­kov B, Ruben­stein JH, Chey WD, Hoo­ger­werf WA: The impact of rota­ting shift work on the pre­va­lence of irri­ta­ble bowel syn­dro­me in nur­ses. Am J Gas­tro­en­te­rol. 2010 Apr;105(4):842–7 (Kurz­fas­sun­gen: PMID | DOI).
[8] Sabe­ri HR, Morav­ve­ji AR: Gas­tro­in­testi­nal com­plaints in shift-working and day-working nur­ses in Iran. J Cir­ca­di­an Rhyth­ms. 2010 Oct 07;8:9 (Kurz­fas­sung: PMID | Voll­text).
[9] Hoo­ger­werf WA: Role of clock genes in gas­tro­in­testi­nal moti­li­ty. Am J Phy­si­ol Gas­tro­in­test Liver Phy­si­ol. 2010 Sep;299(3):G549-55 (Kurz­fas­sun­gen: PMID | DOI).
[10] Ber­ry RB, Wag­ner MH: Cir­ca­di­an Rhythm Sleep Dis­or­ders. In: Ber­ry RB, Wag­ner MH: Sleep Medi­ci­ne Pearls. Else­vier, Ams­ter­dam, 2014.
[11] Hung JS, Liu TT, Yi CH, Lei WY, Chen CL: Alte­red anorec­tal func­tion in rota­ting shift workers: Asso­cia­ti­on with auto­no­mic dys­func­tion and sleep dis­tur­ban­ce. Advan­ces in Diges­ti­ve Medi­ci­ne. 2016;3:80e87 (Kurz­fas­sung).
[12] Cos­ta G: Shift work and health: cur­rent pro­blems and pre­ven­ti­ve actions. Saf Health Work. 2010 Dec;1(2):112–23 (Kurz­fas­sun­gen: PMID | DOI).
[13] Knuts­son A: Health dis­or­ders of shift workers. Occup Med (Lond). 2003 Mar;53(2):103–8 (Kurz­fas­sung: PMID).